Ada Badey - Literatur - 
Gossenwalzer NEU

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Eine literarische Stimme aus der Working-Class

Die schlacksige Tilda, auch »Randnixe« genannt, wächst in einer Arbeitersiedlung irgendwo in Westdeutschland auf. Es sind die 80er Jahre, eine Zeit, als man noch Zeit hatte und sich die Welt scheinbar langsamer drehte als heute. Tilda ist viel alleine draußen, durchstreift Gärten, Straßen und Wiesen, lebt in ihrer eigenen Welt, schreibt Notizbücher voll und unterhält sich am liebsten mit ihrem Fantasiefreund Huckleberry Finn.

Ihrer Mutter, die beschlossen hat, das Haus nicht mehr zu verlassen, aber scharfzüngig über allem wacht, berichtet sie täglich vom Leben draußen. Es ist eine arme Welt, es gibt nicht viel, außer ein paar Bücher, klapprige Fahrräder und Geheimnisse. Das Leben geht seinen Lauf, bis ein junger Fremder erscheint, der kommunistische Parolen schwingt und auch sonst einiges durcheinanderwirbelt. Als Tildas Onkel Sigi, der bei ihr und ihrer Mutter lebt, des Mordes verdächtigt wird, macht Tilda eine Aussage.

Tilda lebt in einer Welt zwischen Realität und Fantasie, sie weiß noch nicht recht, wohin sie gehört und wie die Welt funktioniert. 

Ada Badey, selbst in einer Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet aufgewachsen, ist auch als Schauspielerin, Sängerin, Coach und Trauerrednerin tätig.

Ada Badey vermag mit wenigen Strichen eine ganze Welt zu zeichnen, eine Welt, die zwischen grau und bunt wechselt, viele Leerstellen hat und von tragikomischen, liebenswerten und eigenwilligen Typen bewohnt wird. Die Sprache der dreizehnjährigen Ich-Erzählerin ist knapp und poetisch, jedes Wort, jede Silbe sitzt. Man liebt Tilda von der ersten bis zur letzten Seite. Höchste Lesefreude!

Mal eine Leserstimme:

Ein Genuss, fast jeder einzelne Satz. Gossenwalzer hat sowohl einen leichten selbstverständlichen Groove und wirkt, wie mit feinstem Werkzeug geformt...

Winfried Bode

 

 

Hörbuch zum Jugendroman "Strom auf derTapete", ausgezeichnet mit dem Peter Härtling Preis

Jede Lesung des Jugendromans Strom auf der Tapete ist Gemeinschaft

Vielfältige Themenwelten

"Mit nichts auf der Zunge"

Von persönlichen Erfahrungen bis zu fiktiven Welten – meine Bücher bieten literarische Vielfalt:

Ada Badey ist Autorin, Schauspielerin und Trauerrednerin.  Für den Roman "Strom auf der Tapete" erhielt sie 2017 den Peter-Härtling-Preis. Im Februar 2025 erschien ihr aktueller Roman "Gossenwalzer". Die Entscheidung für ihr Romanprojekt "Mit nichts auf der Zunge" begründet die  Dieter-Wellershoff-Jury folgendermaßen:  

"Ada Badey gelingt eine in hohem Maße glaubwürdige und nachvollziehbare Darstellung kindlichen Erlebens. Eine unvoreingenommene Wahrnehmung und kindliche Fantasie mischen sich mit poetischen Passagen, lakonischen Detailbeschreibungen und gekonnt eingesetzter Sprache. Dies wird kunstvoll mit der Erzählung der erwachsenen Protagonistin TONI BRONSKI verwoben, die erst im Rückblick erkennt, dass sie in einem dysfunktionalen Elternhaus aufgewachsen ist. In den Kinderaugen erscheinen die teils abenteuerlichen Eskapaden ihres Vaters, der als Bilderfälscher in Afrika lebt, keineswegs als Gefährdung des Kindeswohls, sondern sogar zugewandt oder auch faszinierend. Eine besondere Spannung entsteht durch die Darstellung des Vaters, der sich vollkommen egozentrisch verhält, doch gleichzeitig ein durch und durch entwurzelter Mensch ist. Es ist eben diese fein gezeichnete Ambivalenz, die die raffiniert komponierte Geschichte mit ihren wechselnden Erzählperspektiven und Zeitebenen auszeichnet."

 

 

Gossenwalzer NEU

Erarbeitet als Stipendiatin des Schreibhains Berlin

 

Lesungen als besonderer Genuss bei Ada Badey

Textauszug aus Gossenwalzer:

 

Ränder. Das war es, was ich vom Fenster aus sehen konnte. Menschen, Häuser, Bäume. Alles am Rand.

In der Mau-Mau-Kolonie blieb ich die Neue. Ich wurde nicht mehr dauernd mit Steinen beworfen, denn irgendwann fing ich an, zurückzuwerfen. Ich kannte niemanden, außer dem Jungen, den Gina mal mitgebracht hatte in den Kaiserhof, der mit dem Kabel, er gehörte zu der Meute, guckte aber nur zu.

Mir fehlten unsere Küche, das Sofa und der Zigarettenrauch meiner Mutter. Aber vor allem fehlte mir Huckleberry Finn. Dass ich irgendwann aber einmal so in Ginas Nähe sein würde, das hätte ich mir nie vorstellen können. Früher wäre das ein Glück gewesen. Gina guckte mich manchmal nachdenklich an: »Vielleicht bleibst du ja sogar für immer hier, du Randnixe.« Ich sah ihr an, dass sie das selbst nicht glaubte.

Kurz nach meinem Umzug von meiner Siedlung in die Mau-Mau-Kolonie fragte ich Gina nach der Bedeutung des Siedlungsnamens. Sie schaute mich mit ihren blauen Haaren und den weisen Wasseraugen an: »Der Name war immer schon da. Seitdem ich lebe.« Wieder lachte sie.

Ihr fehlte immer noch ein Zahn, den sie nicht reparieren ließ. Ich habe sie mal gefragt, warum, sie lachte und meinte, das sei ihre Glückslücke. Gina wollte Jura studieren und war eine Institution in der Kolonie, half beim Bescheißen und beim Schlichten von Schlägereien.

Als ich ein paar Wochen in der Mau-Mau-Kolonie lebte, saß ich in Ginas Küche, als die Mau-Maus hereinmarschiert kamen. Leute, die Hilfe bei den Anträgen fürs Amt brauchten. Gina wollte, dass die Leute mich mit ihr sahen. »Bleib mal, setz dich dazu, da lernste was fürs Leben«, sagte sie und drückte mich auf den Stuhl zurück.

Die Mau-Maus betrachteten mich argwöhnisch. Nach kurzer Zeit vergaßen sie mich. Anträge wurden getürkt, stimmten nie, es war fast alles gelogen, frisiert, wie sie sagten, die Mau-Mau-Leute.

Manche von ihnen schickten auch ihre Kinder, weil sie selbst nicht richtig schreiben konnten. Ich saß neben Gina. Ein paar Jungens standen argwöhnisch an der Tür. Der, den sie ein paar Mal mit in den Kaiserhof gebracht hatte, stand in meiner Nähe. Plötzlich, wie aus dem Nichts, fasste er mir sehr sanft in die Haare. »Weich«, sagte er nur. »Lenor.«

Gina sah ihn scharf und schmerzlos an, und er nahm sie sofort weg, die Hand, starrte mich aber weiter an.

»Mach dir nicht ins Hemd, Tilda. Das ist Volki, den kennste doch, der ist ein bisschen plemkacki, aber harmlos. Der wird dir immer wieder über den Weg laufen, ab jetzt bist du seine Freundin, finde dich damit ab. Weißt du, hier wehrt sich jeder auf seine Weise. Hier wird beschissen, was das Zeug hält. Hier prüft man, was geht oder was man sein lässt, auch , was oder wen man reinlassen will in das Mau-Mau-Leben. Hier fasst dir auch schon mal jemand ungefragt in die Haare.« Sie lachte. »Warum auch nicht. Mir gefällt das.« Ich nickte.

Von nun an heftete sich Volki an meine Fersen. Wenn ich aus dem Haus kam, stand er da, schaute mich an. Sein Gesicht hatte die Farbe eines schmutzigen Aschenbechers. Er hielt ein Stückchen Stromkabel in die Luft: »Kämpfchen machen?«

Ich wollte nie ein Kämpfchen machen.

Er ließ sich nicht abwimmeln, lief hinter mir her, verliebt und mit diesem abgeschnittenen Kabel in der Hand. »Lenor«, rief er. Und seine Nase lief. »Lenor.«

Manchmal trug er eine uralte Gasmaske.

»Wenn du willst, dass er geht, beachte ihn nicht, irgendwann lässt er dich in Ruhe«, sagte Gina.

Es war so, wie sie sagte. Nach ein paar Wochen stellte er sich wieder vor ihre Haustür. »Kämpfchen machen?«

Gina nahm Volki manchmal mit zu ihren Bandproben, zum Einkaufen, oder er durfte bei ihr am Küchentisch sitzen, gar nichts tun und sein Kabel in die Luft halten.

Sie schenkte mir einen Kassettenrecorder und zwei Musikkassetten. Die Musik hörte sich fremd an, aber auch wieder nicht. Ich habe sie mir oft angehört. Mit Kopfhörern in meinem Zimmer. Ich wusste nicht, wie man dazu tanzt und habe stattdessen mit den Armen geschlackert. Auch draußen im Hof.

 

Viele der Mau-Maus hatten Kleingetier, Kaninchen, Hühner. Illegal, wie die Lagerfeuer auf den Höfen am Wochenende. Es gab selbstgezimmerte Ställe vor den Türen der Leute. Volki hatte einen Hund. Rosie, ein Rüde. Er hatte das Bellen verlernt und sah furchterregend aus. Ich träumte manchmal von ihm, und im Traum war Rosie war ein großer, grauer Zigeunerhund mit einem goldenen Ohrring und einer Augenklappe, der mit mir über Friedhöfe lief.

Ich musste an Volkis Hauseingang vorbei, wenn ich zur Trinkhalle ging. Da saß er oft auf der Treppe und starrte mich an, rief »Lenor«, lief aber nicht mehr hinter mir her.

Irgendwann kam Volki mir entgegengerannt, verschwitzt, mit Rotz und Tränen. Er zeigte auf Rosies Wassernapf. Es waren ein paar Küken geschlüpft, und sie schwammen ertrunken in Rosies Napf.

Er weinte laut, als er auf den Wassernapf zeigte. Und so zart, wie er mir vor kurzem übers Haar gestreichelt hatte, wickelte er die Küken in ein dreckiges Handtuch und trug sie eilig in die Küche.

Ich wollte ihn nicht allein lassen und ging mit.

Die Wohnung roch und war vollgestopft mit Armut. Es stank. Ich versuchte, unauffällig durch den Mund ein- und auszuatmen.

Volki schaltete den Backofen an, legte das Handtuch mit den Küken hinein und stellte ihn auf kleine Flamme. Nach einer Weile plusterten die Küken sich auf und lebten wieder.

Volki hatte zwar ein Gesicht wie eine kleine, hungrige Ratte, war aber ein Kükenretter.

Wir lachten uns an.

 

Ein paar Tage später sah ich, wie Volki die piepsenden Küken vorsichtig in demselben dreckigen Handtuch über den Hof zum Wassernapf trug und ins Wasser tauchte, bis sie sich nicht mehr rührten. 

Seitdem habe ich einen anderen Weg zur Trinkhalle genommen. Gina aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen...

 

 

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